Die Zukunft ist erneuerbar

Auch Paris steht gerade still – nicht aber die Arbeit bei REN21, einem weltweiten Netzwerk aus NGO’s, Universitäten, Regierungen, Industrievereinen und internationalen Organisationen, die im Bereich der Erneuerbaren Energien aktiv sind. Lea Ranalder ist dort Projektmanagerin und hat sich bereit erklärt, mit mir über die Rolle der Erneuerbaren für die gesellschaftliche Entwicklung, über das Zusammenspiel der unterschiedlichen Akteure sowie über die Vision einer Zukunft ohne fossile Brennstoffe zu reden – natürlich alles über Videokonferenz.


Islands Steckdosen können ganz ohne, Deutschland will (noch) nicht ganz ohne und doch müssen wir alle irgendwann ohne. Gemeint sind fossile Brennstoffe und die Treibhausgase, die bei ihrer Verbrennung entstehen. Durch immer längere und trockenere Sommer bringen sie uns ganz schön ins Schwitzen. Denn nicht nur die globale Erderwärmung wird davon immer weiter angetrieben. Auch das politische Klima wird immer stärker angeheizt – und das in allen Ecken und Regionen der Welt.

Dem gegenüber steht die Entwicklung und der Ausbau jener Technologien, die Energie aus erneuerbaren und nachhaltigen Quellen schöpfen. Und diese Entwicklung ist enorm: durch jeden Dollar, der heute in Erneuerbare investiert wird, entstehen 6- bis 8-mal mehr Jobs, als wenn wir unser Geld in Öl und Gas stecken. Gut also, dass dreimal mehr Investitionen in den Ausbau von Erneuerbaren als in die Energiegewinnung aus Kohle und Gas fließen und sauberer Strom heute bereits vielerorts günstiger ist.

Die Weichen sind gestellt um das Zeitalter der fossilen Energien hinter uns zu lassen. Und das ist auch dringend notwendig. Denn der Großteil unserer weltweiten Treibhausgas-Emissionen entsteht durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen. Wenn wir bereits im Jahr 2050 klimaneutral sein wollen, brauchen wir also die Energie aus Wind, Sonne und Wasser. „Es bleibt noch super viel zu tun“, so Lea Ranalder, Projektmanagerin bei REN21.

Mehr als „nur“ Klimaschutz

Dazu gehört auch, dass wir die Art und Weise überdenken, wie wir über Erneuerbare Energien kommunizieren. „Wir müssen von der einseitigen Debatte wegkommen, Erneuerbare zu fördern, um den Klimawandel zu bekämpfen. Vor allem in Entwicklungsländern können nachhaltige Energiequellen genutzt werden, um lokale Jobs zu schaffen, die Luftverschmutzung anzugehen oder Energiesicherheit zu garantieren. Das sind die Themen, die wir pushen müssen.“

Beispiel Vietnam: Um sich unabhängiger von Energieimporten zu machen und somit die Energiesicherheit des Landes gewährleisten zu können, hat das Land in den letzten Jahren seine Erneuerbare Energien Kapazitäten erheblich ausgebaut.

Lea Ranalder, Projektmanagerin bei REN21

„Das heißt nicht, dass der Link zwischen Klima und Energieerzeugung nicht unfassbar wichtig ist“, so Ranalder, „aber wir müssen darüber hinaus gehen und erkennen, wie wir Erneuerbare Energien für die gesellschaftliche Entwicklung in der ganzen Welt nutzen können um sowohl die Nachhaltigkeitsziele als auch die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen.“

Eine Energiewende für alle…

Ein wichtiger Treiber für den Ausbau der Erneuerbaren Energien ist deshalb auch die Gleichstellung der Geschlechter. Bereits heute arbeiten wesentlich mehr Frauen im Bereich der Erneuerbaren als in dem der fossilen Energien. „Der Sektor der Erneuerbaren baut sich gerade noch auf“, so Ranalder. „Die Strukturen sind deshalb weniger verkrustet und der Sektor weniger hierarchisch und viel flexibler, als das bei der traditionellen Energieerzeugung der Fall ist“.

Gerade aber auch im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit betreffen Investitionen in eine nachhaltige Energieerzeugung vorwiegend Frauen, da sie es sind, die sich traditionell um die Energieversorgung kümmern. Wenn durch Projekte für Erneuerbare Energien der lange Weg zum Holzsammeln oder die tägliche Arbeit mit Holzkohle wegfallen, dann hat dies vor allem Vorteile für die Gesundheit und die Sicherheit der Frauen. Auch sparen sie dadurch wichtige Kosten und Zeit – Ressourcen, die sie anderweitig investieren können.

…und von allen

Unglaublich viel Potenzial steckt auch in der lokalen und regionalen Energieerzeugung. Das hat der „Renewables in Cities Global Status Report“ gezeigt, den Lea Ranalder als Projektmanagerin zusammen mit Wissenschaftler*innen und Expert*innen aus der ganzen Welt erstellt hat.

„Das System der Energieproduktion durch Erneuerbare ist längst nicht mehr so zentralisiert wie dies bei der traditionellen Energieversorgung der Fall ist. Die neuen Akteure, auf Städte- und auf lokaler Ebene haben durch die Nähe zu den Bürger*innen viel mehr Möglichkeiten, diese Menschen bei der Energiewende mitzunehmen und sie dafür zu begeistern“.

Trotzdem müssen auch auf EU- und auf nationaler Ebene die richtigen Weichen gestellt werden. „Das große Stichwort hier lautet vertical integration“, so die Projektmanagerin. „Natürlich brauchen wir Visionen und Ziele, konkrete Planung und entsprechende Instrumente vonseiten (supra-)nationalen Akteuren. Diese müssen aber unbedingt auch an den lokalen Kontext anpassbar sein“.

Diese Erkenntnis ist immer wieder aus Gesprächen mit lokalen Akteuren hervorgegangen, erzählt Ranalder. So zum Beispiel beim Interview mit der Bürgermeisterin aus Glasgow. „Schottland will bis 2045 klimaneutral werden. Gleichzeitig ist Glasgow allein für mehr als 2/3 aller nationalen Emissionswerte verantwortlich. Wie will denn die schottische Regierung ihre Ziele erreichen, wenn sie nicht mit der Stadt zusammenarbeitet?“.

„Wir müssen erkennen, wie wir Erneuerbare Energien für die gesellschaftliche Entwicklung in der ganzen Welt nutzen können“

– Lea Ranalder

Oftmals sind es sogar die Städte, die sich für ambitioniertere Maßnahmen stark machen und somit den Ausbau von Erneuerbaren auf nationaler Ebene vorantreiben. So hat Barcelona bereits im Jahr 1998 eine Regulierung ausgearbeitet, um den Gebrauch von Solarthermie bei neuen und renovierten Gebäuden zu fördern. Damit war die Stadt Inspiration für zahlreiche ähnliche Gesetzgebungen in anderen spanischen Städten und nicht zuletzt auch auf nationaler Ebene.

„Überall entstehen solche spannende Zusammenspiele zwischen nationaler und lokaler Ebene“, so Ranalder, „und natürlich kann dies auch zu Reibungen führen“. Kapstadt verklagt gerade die südafrikanische Regierung, weil die Stadt gerne mehr saubere Energie produzieren und (ver-)kaufen würde, dies jedoch laut nationaler Gesetzgebung nicht darf.

Aber Reibungen erzeugen bekanntlich Hitze – Energie, die auch in die Gestaltung einer nachhaltigen Energieversorgung gesteckt werden kann. „Der Ausgang dieses Prozesses wird einen riesigen Effekt darauf haben, wie Städtepolitik in Südafrika und darüber hinaus betrieben wird“, so Ranalder. Es lohnt sich also, am Ball zu bleiben.

Don’t be a fossil fool

Am Ball bleiben auch die zahlreichen Schüler*innen und Student*innen, die seit Monaten auf die Straße gehen und fordern, dass die Entscheidungsträger von heute endlich die rosarote (Kohle-)brille ausziehen. Denn wenn wir abwägen ob wir in nachhaltige oder in fossile Energien investieren sollen, dann dürfen nicht nur die Produktionskosten entscheidend sein, sondern auch die Kosten der Externalitäten, die daraus resultieren.

So zum Beispiel die Auswirkungen der Luftverschmutzung auf die Gesundheitssysteme. In manchen Ländern, auch in der EU, machen die gesundheitlichen Folgekosten der Luftverschmutzung bis zu 10% des nationalen Bruttoinlandsproduktes aus. Auf der anderen Seite brauchen vor allem Entwicklungsländer sichere Energiequellen, um z.B. Krankenhäuser und damit auch die Krankenpflege dauerhaft aufrecht zu erhalten.

Auch der Faktor der Abhängigkeit muss berücksichtigt werden. „Wenn man heute ein Kohlekraftwerk baut, muss dieses erst mal 20, 30 oder 40 Jahre laufen, um überhaupt wirtschaftlich zu sein“, so Ranalder. Solche lock-in Prozesse und geopolitische Abhängigkeiten machen diese Energiequellen immer unattraktiver – zurecht.

Auf in eine erneuerbare Zukunft

All dieses Wissen kann genutzt werden, um die Energiewende umzusetzen und die Klimakrise anzugehen. Denn auch wenn das Thema Klima und Energie gerade zusehends aus der Öffentlichkeit rückt – verständlicherweise – so stellt sich trotzdem auch die Frage des „Was kommt nach Corona?“

Einig sind wir uns, dass der Wiederaufbau nach der Krise und Klimaschutz einhergehen und wir die Gelegenheit ergreifen müssen um unsere Zukunft nachhaltig zu gestalten. „In meinen Augen wird die Klimakrise nicht vergleichbar sein mit der Krise, in der wir uns jetzt befinden. Aber wir können aus diesen Turbulenzen, durch die wir gerade gehen, lernen, um uns darauf vorzubereiten und uns zu stärken“, so Lea Ranalder. Na dann – packen wir’s an!

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