Bitte wenden – Mobilität auf anderen Wegen

Meine virtuelle Interrail-Reise führt mich weiter nach Zürich, der „Welthauptstadt des ÖPNV“. Beste Voraussetzung also um zu ergründen, wie eigentlich die heiß debattierte Verkehrswende aussehen wird – und wenn ja, wann? Unterstützung habe ich dabei von den beiden Geschäftsleitern eines Zürcher Bureaus für Raumentwicklung, sowie dem Co-Programmleiter für Umwelt, Verkehr & Energie eines Zürcher Grassroots-Thinktank bekommen.


Mobilität bedeutet Freiheit. Die Freiheit, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen um Menschen zu begegnen, um zu arbeiten oder um neue Kulturen kennenzulernen. Sich fortzubewegen, immer schneller, immer weiter, hat einen wesentlichen Teil zu unserer gesellschaftlichen Entwicklung, zu Wohlstand und sozialer Teilhabe beigetragen.

Trotzdem ist die Mobilität von heute eigentlich noch ziemlich von gestern. Während in den Bereichen der Energiegewinnung, der Industrie oder des Wohnbaus die CO2– Emissionen seit 1990 ständig gesunken sind, hat die Emissionsrate im Verkehr im gleichen Zeitraum stagniert oder ist gar gestiegen. Die Autos, die seit 2017 in der EU wie auch in der Schweiz neu gekauft wurden, stoßen durchschnittlich sogar wieder mehr CO2 aus als in den Jahren zuvor.

Aber auch unser Stresspegel wird durch endlose Staus immer stärker strapaziert. So standen Autofahrer*innen in Luxemburg-Stadt im Jahr 2019 insgesamt 163 Stunden im Stau. In der gleichen Zeit hätte man ungefähr 7838 Cookies backen oder 144 Episoden Game of Thrones schauen können.

Hohe Verkehrsaufkommen und die daraus resultierende Luft- und Lärmverschmutzung stellen außerdem eine hohe Belastung für unsere Gesundheit und die unserer Umwelt dar. Kein Wunder also, dass die Verkehrswende in aller Munde ist: diese Vision von einem CO2-freien Verkehr mit neuen, kreativen Möglichkeiten der (inklusiven) Fortbewegung. Wie können wir diese Vision Wirklichkeit werden lassen?

1. Kürzere Wege, längeres Vergnügen

„Wir müssen zukünftig versuchen, die Wege wieder kürzer zu halten“, meint Thomas Hug, Co-Gründer und -Geschäftsleiter von urbanista.ch. „Wie wäre es zum Beispiel damit, statt zu einem zweistündigen Meeting zu fliegen oder zu fahren, digital daran teilzunehmen?“

Dabei ist es besonders von Vorteil, dass gerade in der aktuellen Situation rund um Covid-19 neue Arbeitsformen wie Home Office stark gefördert werden. „In der Immobilienbranche geht man davon aus, dass die Nachfrage an Büroflächen bis zu 10% zurückgehen könnte, wenn Home Office nun den großen Aufschwung erlebt“, so Hug. Die damit einhergehenden 10% weniger im Verkehr wären vergleichbar mit der Situation auf den Straßen in Ferienzeiten – also weniger Autos, weniger Lärm, bessere Luftqualität.

„Wenn es um die Verkehrswende geht, können wir vor allem in Städten noch sehr viel schneller sein“, so Co-Gründer und -Geschäftspartner von urbanista.ch, Markus Nollert. Denn laut einer Studie des Schweizer Bundesamtes für Raumentwicklung legen Menschen in dichter besiedelten Gebieten auch in der Freizeit kürzere Distanzen zurück – und lassen dabei immer öfter das Auto zuhause stehen.

Dichtere Siedlungsstrukturen sind deshalb eine Voraussetzung dafür, dass Wege reduziert werden können. „Hier sieht man, wie eng die Verkehrsplanung mit der Raumplanung zusammenhängt“, so Nollert. Und natürlich auch mit der Freizeitplanung – man denke wieder an die leckeren Cookies oder die Game of Thrones-Dauerschleife.

2. Die Beweislage umkehren

Eine weitere tolle Nachricht: während der letzten beiden Monate haben viele Städte die leeren Straßen genutzt, um den Fahrrädern mehr Platz einzuräumen. In New York, Bogotá aber auch in Paris und in Berlin wurden Autospuren und Parkplätze in Fahrradwege umgewandelt und bestehende Fahrradstreifen verlängert.

„Das Schöne ist ja, man dreht gerade die Beweislage einfach um“, so Nollert. „Vor Corona hätte man für eine solche Maßnahme beweisen müssen, dass der Verkehr auch mit weniger Autos trotzdem noch funktioniert. Nun aber muss die Autolobby erst mal beweisen, dass diese Spur unbedingt wieder für Autofahrer gebraucht wird.“

Für die Verkehrswende braucht es deshalb vor allem politischen Mut. Den Mut, neue Ideen auszuprobieren und den Menschen zu zeigen, dass es auch anders geht. Denn dass das menschliche Gewohnheitstier seinen Alltag schnell anpassen kann, wenn es die Situation erfordert, haben uns die letzten Wochen ja durchaus bestätigt.

3. Push and pull

Wie so oft bestimmt auch im Bereich der nachhaltigen Mobilität das Angebot die Nachfrage. Hier gilt es, ÖPNV, Fahrrad und Fußwege attraktiv zu machen – zumindest attraktiver als Autofahren. Eine Erkenntnis, die Zürich im Bereich des ÖPNV, ihrer sogenannten „Königsklasse“, hervorragend umsetzen konnte. „Das sind planerische Grundsätze, die man schon vor langer Zeit festgelegt hat“, so Nollert.

Bekannt ist diese Strategie auch als push and pull: “Autofahren macht keinen Spaß, wenn man sehr lange vor roten Ampeln steht oder es viele Einbahnstraßen gibt. Im Vergleich mit anderen Städten ist Zürich deshalb vor allem auch ‚gut darin‘, Autofahren zu erschweren“ – und dies zugunsten von Bus und Tram.

„Wir brauchen wieder mehr Verständnis für das Allgemeinwohl und dafür, dass manche individuellen Interessen vielleicht nicht im Einklang sind mit dem, wo wir als Gesellschaft hinwollen“

-Markus Nollert, urbanista.ch

Trotzdem ist das Auto auch in Zukunft nicht von den Straßen wegzudenken, davon ist Thomas Hug überzeugt. „Vor allem auf dem Land und in spärlich besiedelten Gegenden ist das Auto das beste Verkehrsmittel. Wichtig ist es deshalb zu schauen, wie das Auto klug mit anderen Verkehrsmitteln kombiniert werden kann“.

Spannende Projekte entstehen z.B. durch den Aufbau von P&R-Stationen außerhalb der Städte, die Bereitstellung von Fahrrädern für die sogenannte „letzte Meile“ oder durch Einkaufsmöglichkeiten an Knotenpunkten, um eine optimale Ausnutzung der Wartezeiten zu garantieren. „Das Auto muss seinen Platz in der Gesellschaft neu finden“, so Hug.

4. Reisen neu denken (oder auch: sustrainable)

In unserer globalisierten Welt ist Mobilität und Verkehr definitiv nicht mehr nur eine nationale Angelegenheit, sondern erfordert grenzübergreifende Zusammenarbeit. Dessen ist sich auch Oskar Jönsson von foraus, einer Denkfabrik für Schweizer Außenpolitik, sicher. „Die Schweiz hat sich schon früh zum Ziel gesetzt, den Güterverkehr ganz auf die Schiene zu verlegen“, so Jönsson. „Allerdings kann dies nur funktionieren, wenn auch die Nachbarstaaten mitziehen und ihre Infrastrukturen dementsprechend anpassen“.

Die Antwort auf die Frage, wie innereuropäische Flüge endlich überflüssig werden, arbeitet foraus gerade in einer Strategie zur Förderung von Nachtzügen aus. „Momentan gibt es keine starke technische Harmonisierung der (Nacht-)Zugnetze, im Gegensatz zum Flugverkehr“, so Jönsson. Auch ökonomische und betriebswirtschaftliche Faktoren machen die Zugfahrt momentan nicht wirklich attraktiver. „Der Luftverkehr ist mehrwertsteuerbefreit, im Gegensatz zum Zugverkehr. Das Rollmaterial der Züge ist außerdem total veraltet“, so Jönsson.

Mehr Zusammenarbeit auf europäischer Ebene ist also gefordert – auch wenn es darum geht, Lösungen für nachhaltiges Reisen (innerhalb der EU) zu bieten*. Denn nur so können wir weiterhin Kulturen und Orte miteinander verbinden und eine europäische Identität schaffen, die über die nationalen Grenzen hinaus geht (siehe dazu auch das Interview mit Herr&Speer zur DiscoverEU Initiative).

5. Gemeinsam statt einsam

Last but not least gilt auch bei der Verkehrswende, dass wir zusammen mehr erreichen können als jede*r Einzelne von uns. Das fängt beim Individualverkehr an: jeden Morgen kommen Autos mit insgesamt 250.000 leeren Autositzen in die Stadt Luxemburg. Na, wie viele Serien hätte mensch also mehr gesehen, wenn in den Fahrzeugen jeweils eine weitere Person sitzen würde?

„Das Auto ist eigentlich die unwirtschaftlichste Anschaffung, die wir Menschen im Leben (meistens) machen – es steht 23h von 24h am Tag auf dem Parkplatz vor dem Haus“, so Markus Nollert von urbanista.ch. „Wenn man es jedoch schafft z.B. durch selbstfahrende Fahrzeuge den Autobesitz zu kollektivieren, dann wird das definitiv eine positive Auswirkung auf den Verkehr haben. Denn dann braucht man sehr viel weniger Autos für die gleiche Anzahl von Fahrten.“

Dem gegenüber steht der gesellschaftliche Nutzen, der durch einen Umstieg von Auto auf Bus, Zug oder Fahrrad entsteht. Das luxemburgische Ministerium für Nachhaltige Entwicklung und Infrastruktur hat berechnet, dass eine Person für jeden zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegten Kilometer 6,9 Cent an Ausgaben für die Gesellschaft einspart (MDDI, 2018).

„Wir brauchen wieder mehr Verständnis für das Allgemeinwohl und dafür, dass manche individuellen Interessen vielleicht nicht im Einklang sind mit dem, wo wir als Gesellschaft hinwollen“, so Nollert. „Dies kann auch mit Verzicht verbunden sein, auf der anderen Seite haben wir aber alle wieder was davon.“

Die Route wurde berechnet

Der Verkehr ist für fast ein Drittel aller CO2– Emissionen in der EU verantwortlich – der Weg hin zu einer nachhaltigen Mobilität ist also noch recht lang. Das Gute daran: als Teil des Problems ist der Verkehr auch gleichzeitig ein wichtiger Teil der Lösung. Und Lösungen gibt es heutzutage schon so manche. Nun gilt es, politischen Mut zu beweisen und diese Lösungsansätze auch gezielt umzusetzen.

Denn: es ist fünf vor zwölf . Wenn wir pünktlich in der Klimaneutralität ankommen wollen, ist nun der Moment um den richtigen Weg einzuschlagen. Damit Mobilität auch in einer klimaneutralen Welt für jedermensch, ob jung oder alt, in der Stadt oder auf dem Land, Inbegriff von Freiheit bleibt.

* Wie diese Lösungsansätze gerade im Rahmen der Coronakrise aussehen können, zeigt sich am Rettungspaket der französischen Regierung für AirFrance. So soll das Rettungspaket an die Bedingung geknüpft werden, dass das Unternehmen den Auf- und Umbau nachhaltig und umweltfreundlich gestaltet. Das würde u.a. bedeuten, dass keine Fluglinien mehr für Strecken operieren, die innerhalb von 2,5h mit dem Zug zurückgelegt werden können.

Quelle Beitragsfoto: gowithstock/Shutterstock.com

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