Über die Arbeit der Zukunft und die Zukunft der Arbeit

Read this article in English here

Mein virtueller Zwischenstopp in Amsterdam hat mich direkt ins Büro von Kim van Sparrentak geführt. Denn die Europaabgeordnete ist, wie so viele Menschen momentan, im Home Office. Per Videokonferenz konnte ich mit ihr über die Herausforderungen der Arbeitswelt, heute und in der Zukunft, reden. Das Ergebnis: eine sehr vielfältige Definition davon, wie ein nachhaltiges Arbeitsmodell aussehen kann.


Im Jahre 1930 hielt einer der bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, John Maynard Keynes, einen Vortrag mit dem Titel “Ökonomische Möglichkeiten unserer Enkel”. In diesem Vortrag erklärte er, dass im Jahre 2030 die größte Herausforderung der Gesellschaft die Frage sein werde, was der Mensch mit all seiner Freizeit anfangen sollte.

Ja, Sie haben richtig gelesen. Keynes war der Überzeugung, dass innerhalb von 100 Jahren der westliche Lebensstandard so enorm steigen würde, dass die Arbeitswelt eine ganz andere sein würde. Schwer vorstellbar, wenn man bedenkt, dass Vollzeitbeschäftigte in Europa im Durchschnitt rund 41 Stunden die Woche arbeiten. Auch neue und flexiblere Arbeitsformen, wie  z.B. die Arbeit im Home Office, erleben erst durch den von der Corona-Krise erzwungenen Lockdown einen richtigen Aufschwung.

Nun ist dieser Blog mit dem Ziel entstanden, Lösungen dafür zu finden wie wir unsere Welt, unser gesellschaftliches System, nachhaltig gestalten können. In einigen Bereichen scheinen diese Lösungen auch schon klar formuliert und greifbar. Staaten und Städte haben sich z.B. Ziele gesetzt um die Energieversorgung weg von fossilen, hin zu erneuerbaren Energien zu gestalten. Die Verkehrswende zielt darauf ab, Treibhausgase durch neue Verkehrsmittel und – wege zu verringern.

Wie aber sieht ein nachhaltiges Arbeitsmodell aus? Wie wollen wir in Zukunft eigentlich arbeiten? Und was hat Keynes‘ Überlegung damit zu tun?

Weniger ist mehr (und nachhaltiger)

„Die menschliche Herangehensweise an den Arbeitsmarkt war immer davon geprägt, neue Fortschritte zu erzielen: eine sichere Arbeitsumgebung, bessere Sozialleistungen, weniger Arbeitsstunden, mehr Zeit für sich“, erklärt mir Kim van Sparrentak, Abgeordnete im Europäischen Parlament und Mitglied im Ausschuss für Beschäftigung und soziale Angelegenheiten.

In der Tat ist seit der Gründung der Gewerkschaften die Senkung der Arbeitszeit eine ihrer Hauptforderungen – mit Erfolg. Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit ist seit 1870 innerhalb von 100 Jahren von rund 65 auf 40 Stunden gesunken. Allerdings hat sich dieser Trend in den letzten Jahren verlangsamt, stagniert und in manchen Ländern sogar wieder umgekehrt.

„Aus irgendeinem Grund sagen wir nach all den Jahrzehnten, in denen wir für weniger Arbeitsstunden gekämpft haben, nur noch: ‚oh jetzt ist es okay so‘. Sogar die neuen Jobs auf dem Arbeitsmarkt, wie z.B. in der Plattformökonomie oder für Lieferdienste, sind vom sozialen Aspekt her nicht viel besser als vor 100 Jahren, mit niedrigen oder gar keinen Sozialleistungen und Bezahlungen pro Lieferung“, so die Europaabgeordnete. „Ich denke, wir brauchen eine neue Diskussion über die Zukunft der Arbeit, anstatt Rückschritte zu machen. Und eine kürzere Arbeitswoche ist definitiv ein Teil davon.“

Dass dies kein Thema von gestern ist zeigen die zahlreichen Experimente, die weltweit immer noch rund um das Thema Arbeitszeitverkürzungen gemacht werden (siehe einige davon hier). Und es steckt so manches Lösungspotenzial dahinter: im Kampf gegen den Klimawandel, für mehr Gleichberechtigung, Gesundheit, Produktivität und Arbeitsplätze. Warum also nicht den Versuch wagen?

Neue Welt, neue Skills

Nicht nur die Art und Weise wie wir arbeiten, sondern auch was wir arbeiten hat und wird sich ständig ändern. In Zeiten der Klima- und Biodiversitätskrise ist dies vielleicht sogar mehr denn je aktuell. „Es gibt Arbeitsplätze, die sich nicht lohnen, weder für die Person, die sie ausübt, noch für die Gesellschaft als Ganzes“, so van Sparrentak.

Umso wichtiger ist es, dass wir nun sichere, gut bezahlte und nachhaltige Jobs schaffen. „Wir müssen uns eingestehen, dass irgendwann nicht mehr so viele Menschen in der Flugbranche oder in Kohlebergwerken arbeiten werden. Aber während wir uns dies eingestehen, müssen wir auch gleichzeitig dafür sorgen, dass es Umschulungsprogramme und Regelungen gibt, um den Arbeitsplatz zu wechseln oder in Frühpension zu gehen“.

Der „Europäische Fonds für die Anpassung an die Globalisierung“ soll nun so ausgerichtet werden, dass Umschulungen stärker gefördert werden und gleichzeitig ein Rahmen geschaffen wird, in dem Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, an solchen Umschulungen teilzunehmen, sei es durch die Bereitstellung von Kinderbetreuung für Eltern oder die Rückerstattung der Fahrtkosten für den Schulweg.

„Wenn wir den Klimawandel stoppen wollen, müssen wir auch generell einen Schritt zurücktreten und etwas entspannter in der Gesellschaft agieren.”

Kim van Sparrentak, MEP

Gleichzeitig müssen gerade die Berufe, die wertvoll für unsere Gesellschaft und unsere Umwelt sind, stärker in unseren Fokus rücken. „All die Krankenpfleger*innen, die jetzt an vorderster Front stehen und plötzlich eine hohe Anerkennung erleben, sind in den letzten Jahren nicht dementsprechend geschätzt worden, auch nicht in finanzieller Hinsicht“, so die Europaabgeordnete.

Es stellt sich die Frage: was ist uns wichtiger? Der Wert, den ein Beruf für unsere Wirtschaft hat, oder für unsere Gesellschaft? Und warum müssen wir uns eigentlich dazwischen entscheiden? Warum lohnt es sich immer noch mehr, Banker zu werden als Krankenpfleger*in?

Zuhause arbeiten

Gleiches gilt für unbezahlte Care-Arbeit, also die sogenannten „Tätigkeiten des Sorgens und Sichkümmerns“ – sei es um Kinder, Angehörige oder den/die Partner*in. Diese Tätigkeiten leisten einen wesentlichen Beitrag zur Wirtschaft sowie zum individuellen und gesellschaftlichen Wohlbefinden. Denn: in einer Gesellschaft, in der sich keiner um andere kümmert, würde nicht funktionieren.

Rund 16,4 Milliarden Stunden werden täglich an unbezahlter Pflegearbeit geleistet. Würde diese Arbeit mit einem Mindestlohn vergütet werden, würde dies 9% des weltweiten BIP entsprechen. Tut es aber nicht, weil diese Arbeit unbezahlt ist – und das ist auch ok so. Nur leider werden in politischen Entscheidungen oft nur jene Tätigkeiten berücksichtigt, die man in Gewinnen für die Wirtschaft ausdrücken kann. Und da liegt das Problem.

Hinzu kommt, dass Frauen den größten Anteil dieser Arbeit verrichten – in der EU dreimal mehr als Männer – und dadurch auf dem Arbeitsmarkt meist kürzertreten müssen. Sei es, weil sie Teilzeit arbeiten, um Familie und Arbeit unter einen Hut zu bekommen, oder weil sie aufgrund von sogenannten „Lücken im Lebenslauf“, niedrigere Gehälter oder schlechtere Chancen auf Verantwortungsposten haben.

Die gute Nachricht: es gibt viele Möglichkeiten, dies zu ändern. Arbeitszeitverkürzung ist eine davon. Denn Care-Arbeit als integralen Teil unserer Wirtschaft anzuerkennen bedeutet, dass wir einsehen, dass wir nicht nur auf dem Arbeitsplatz, sondern auch zuhause arbeiten. Nicht nur können die Strapazen für menschliche Gesundheit und Wohlbefinden durch weniger Stunden auf dem Arbeitsplatz reduziert werden. Auch die Entscheidung zwischen Karriere und Familie kann manchen Menschen (hauptsächlich Frauen) dadurch abgenommen werden.

Changing narratives

Auch die soziale Absicherung muss einen wesentlichen Schwerpunkt in einem nachhaltigen und zukunftsfähigen Arbeitsmodell darstellen. Denn, dass soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit nur zusammen gedacht werden können, hat die Bewegung der Gelbwesten in Frankreich besonders deutlich gezeigt. Nachhaltigkeit darf nicht nur ein Luxus sein für Menschen mit hohen Gehältern.

Des Weiteren werden sich die (gesundheitlichen) Folgen des Klimawandels und der Umweltverschmutzung nicht auf alle Teile der Bevölkerung gleich auswirken, weshalb es unbedingt neue Formen des sozialen Schutzes braucht. Das fängt bereits damit an, dass Menschen, die arbeiten, genug Geld verdienen, um davon leben zu können. „Das ist mein größter Wunsch“, so van Sparrentak, „dass man sich, wenn man einen Job hat, ein Dach über dem Kopf leisten und Lebensmittel kaufen kann, sowie eine grundlegende Sicherheit hat für den Fall, dass man krank wird“.

Aber ein fester Arbeitsplatz soll nicht die alleinige Voraussetzung für soziale Absicherung sein. „Wir müssen dafür sorgen, dass die soziale Sicherheit nicht davon abhängt, ob man einen offiziellen Arbeitsvertrag hat, sondern dass immer ein gewisser sozialer Rückhalt vorhanden ist, auch im Falle, dass man seinen Job verliert“, so die Europaabgeordnete.

Dass dies in den nächsten Jahren der große Wandel im Narrativ rund um unsere Sozial- und Arbeitspolitik sein, davon ist Kim van Sparrentak überzeugt. „Was wir diskutieren werden, ist, wie wir die Arbeit und die soziale Sicherheit wirklich voneinander trennen können. Sicherlich wird das universelle Grundeinkommen ebenfalls ein Thema sein. Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass wir dies jetzt sofort umsetzen sollten, so denke ich doch, dass dies der Moment ist, um riesige Experimente damit zu machen, um zu sehen, welche Auswirkungen es auf unsere Gesellschaft haben könnte.“

Ein weiterer Versuch zur Veränderung

Dieser Artikel ist geprägt von Möglichkeiten, Diskussionen und Experimenten rund um unsere Arbeitswelten. Denn ja, es gibt nicht diesen einen Weg hin zu einem nachhaltigen Arbeitsmodell. Soziale Verantwortung, ökologische Wirtschaftsmodelle, Gleichberechtigung der Geschlechter, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz – die Anzahl der Zahnräder, die ineinandergreifen, ist groß.

„Niemand hat die Antwort darauf, wie wir die Dinge besser machen können. Aber es gibt eine Menge Ideen auf der Welt, und dies ist die Zeit, in der wir diese Ideen tatsächlich ausprobieren können“, so die Europaabgeordnete. Denn, ehe wir uns versehen, ist der Moment des Umschwungs gekommen.

Ob dieser Moment mit der Coronakrise nun seinen Anfang gefunden hat? „Zweifellos werden sich die Umstände ändern, die Arbeitsbedingungen für die Menschen werden sicherer und gesünder sein. Die Menschen sind sich der Bedeutung der Gesundheit so bewusst geworden, dass ich nicht glauben kann, dass dieser Moment einfach vorübergehen wird“, so Kim van Sparrentak.

Was wir wissen ist, dass ein „Weiter-wie-bisher“ nicht die Lösung ist. “Wir leben in einer Gesellschaft, die immer hinter dem Zeitplan zurückbleibt, weil wir uns so hohe Ziele gesetzt haben und schnell vorankommen wollen. Gleichzeitig erschöpfen wir dadurch unseren Planeten und seine Ressourcen. Wenn wir den Klimawandel stoppen wollen, müssen wir auch generell einen Schritt zurücktreten und etwas entspannter in der Gesellschaft agieren.”

Wenn niemand diese Ideen laut ausspricht, können sie auch nicht umgesetzt werden. Deshalb hier ein weiterer Versuch.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.