Warum Vielfalt Europa voranbringt

Aus dem ursprünglich geplanten Interrail wird also eine virtuelle Reise durch Europa – Skype sei Dank. Erster Zwischenstopp ist Berlin. Hier treffe ich Vincent-Immanuel Herr: Autor, Aktivist, Feminist und überzeugter Europäer. Mit ihm habe ich darüber geredet, wie Interrail die europäische Identität stärken kann, warum wir mehr männliche Feministen brauchen und welche Rolle gerade die jüngere Generation in unserer Gesellschaft spielt. Auch wenn Vincent sich selbst nicht mehr zu dieser Generation zählt, so findet man bei ihm doch genau diese Art von Ideen und Visionen, die ihn bei der Jugend von heute so beeindrucken. Aber lest selbst!


Herr und Speer wollen was tun – und das auf keinen Fall allein. Um ihre Ideen einer demokratischen, gleichberechtigten und europäischen Gesellschaft Wirklichkeit werden zu lassen, haben die beiden Aktivisten deshalb ihre Ideen zu Papier gebracht, in zahlreichen Vorträgen zusammengefasst und den Austausch mit unterschiedlichsten Akteuren gesucht. Ihr Erfolg lässt sich u.a. an der DiscoverEU Initiative der Europäischen Kommission messen, welche auf Grundlage ihrer Kampagne #FreeInterrail gestartet wurde. Dadurch ist es nun allen Europäer*innen möglich, sich ab ihrem 18. Geburtstag für ein geschenktes Interrail Ticket zu bewerben. Im Rahmen der UNWomen Kampagne HeForShe Deutschland sind die beiden außerdem als Botschafter für eine gleichberechtigte Gesellschaft unterwegs.

Ich spreche mit Vincent-Immanuel Herr. Er hat Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften studiert und bis auf Luxemburg und der Slowakei bereits alle EU-Länder besucht. Bei Herr und Speer übernimmt er die Rolle der „Schreibecke“.

Die Arbeit von Herr und Speer konzentriert sich auf die Themen Europa, Jugend und Geschlechtergerechtigkeit. Warum gerade diese drei Themen?

Martin und ich haben uns während unseres Studiums in den USA kennengelernt und schnell festgestellt, dass wir beide ein großes Interesse daran haben, unsere Gesellschaft mitzugestalten. Auf unserer ersten Interrail Reise 2014 haben wir gemerkt, dass es trotz der vielen Gemeinsamkeiten noch richtig viele Probleme in Europa gibt. Daraus ist unter anderem unsere #FreeInterrail Kampagne entstanden, da wir Interrail als ziemlich einfaches Werkzeug sehen, um Europa kennen und schätzen zu lernen.

Auf dieser Reise haben wir hauptsächlich junge Leute interviewt und dadurch eine tolle Generation kennengelernt, die voller Ideen steckt mit Vorschlägen, wie Europa besser sein könnte. Dass gerade diese Generation und das ganze Lösungspotential, das in ihr steckt, in den Medien und in der Politik unterrepräsentiert ist, ist in unseren Augen eine große Ressourcenverschwendung. Auch die Gleichberechtigung von Frauen und Männern war in meiner Familie immer schon ein wichtiges Thema, wodurch ich immer den Eindruck hatte, dass es kein Widerspruch an sich ist, wenn auch Männer sich für dieses Thema interessieren.

Wo seht ihr den Zusammenhang zwischen diesen drei Themen?

Für uns hängen diese drei Themen ganz klar zusammen. Wenn wir die Zukunft in Europa positiv und nachhaltig gestalten wollen, dann ist es wichtig, dass wir Vielfalt fördern und Gruppen mit an Bord holen die bisher in Macht- und Einflussregionen unterrepräsentiert waren. Das sind sowohl junge Leute als auch Frauen.

Irgendwo stecken wir so langsam fest und wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir bei großen wichtigen Themen wie z.B. Klimawandel, Populismus oder Demographie nicht das volle Lösungspotential ausschöpfen. Wenn wir verstehen, dass es auch ein Nachteil für alle anderen ist wenn wir eine bestimmte Gesellschaftsgruppe nicht integrieren, dann wird es uns eindeutig besser gehen.

Vincent-Immanuel Herr und Martin Speer (Foto: Anna-Zoë Herr)

Woran erkennt man, dass wir feststecken?

Es sind überwiegend Frauen die sich klar gegen anti-europäische und populistische Strömungen positionieren, dafür auf die Straßen gehen und auch in dem Bereich arbeiten. Gleichzeitig gibt es klare geschlechterspezifische Unterschiede, was die Zugänge zu Machtpositionen in der EU betrifft – sei es auf politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Ebene. Für uns ist deshalb klar, dass wenn wir Frauen den Zugang zu Machtpositionen erleichtern, pro-europäische Tendenzen wieder sichtbarer werden und wir Europa voranbringen können.

Eine Untersuchung von Larry Diamond hat ergeben, dass Demokratie und Freiheitswerte, die seit Mitte der 70er weltweit ständig angestiegen waren, seit 2005 tendenziell eher zurückgehen. Das ist schon ziemlich gruselig und ich denke, dass wir die Kraft der Tendenzen, die sich aktuell durch unsere Gesellschaft ziehen, unterschätzen.

Gerade deshalb ist es jetzt so wichtig zu überlegen, wie Demokratie neu und inklusiv gedacht werden kann. In den letzten Jahren sind viele tolle Bewegungen wie Fridays for Future oder Women’s Marches entstanden die zeigen, dass viele Menschen – überdurchschnittlich Frauen und junge Menschen – verstehen, dass wir uns engagieren müssen um Demokratie und Freiheit zu schützen. Deshalb bin ich der Überzeugung, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

In ihrem Buch „Warum Europa eine Republik werden muss“ bezeichnet Ulrike Guérot das junge europäische Kollektiv, in welchem Martin und du auch aktiv seid, als Vorzeigebeispiel für das pro-europäische Engagement von Jugendlichen. Bist du der Meinung, dass Europa eine Republik werden muss?

Wir haben uns bislang eher zurückgehalten mit einer klaren Positionierung zu der Frage, welche Form Europa in Zukunft haben sollte. Mit unserer Kampagne #FreeInterrail haben wir uns als Ziel gesetzt, ein europäisches Identitätsgefühl zu stärken und nicht, ein bestimmtes politisches Konstrukt zu ermöglichen. Eurostat geht davon aus, dass 40% aller EU-Bürger nie ihr Heimatland verlassen haben. Deshalb wollen wir in erster Linie mehr Leuten ermöglichen, an dem Projekt EU teilzuhaben. Nur so kann Europa sich auch weiterentwickeln.

Die EU ist der weltweit erste und progressivste Versuch, über den Nationalstaat hinauszutreten. Aus der historischen Notwenigkeit heraus, muss dies in meinen Augen auch irgendwann geschehen. Ich denke allerdings nicht, dass man von vorneherein festlegen sollte, in welche Richtung die EU sich konkret entwickeln sollte – im Gegenteil. Es könnte durchaus interessant sein, dieser Entwicklung ihren Lauf zu lassen – unter der Voraussetzung natürlich, dass es kein Elitenprojekt ist und von allen mitgestaltet werden kann.

Die unkoordinierten Alleingänge der Nationalstaaten in der momentanen Corona Krise, aber auch in Bezug auf die sogenannte Flüchtlings- und/oder Klimakrise, sind ja aber nicht förderlich, wenn es darum geht Krisenmanagement zu betreiben und eine europäische Antwort auf diese Krisen zu geben?

Absolut. Gerade die Corona Krise zeigt, wo die Grenzen unserer aktuellen Möglichkeiten sind: dass wir zum Beispiel das Sozial- und Gesundheitswesen noch nicht fair vereinheitlicht haben und es deshalb gerade in den aktuellen Gesundheitsfragen schwer ist, sich zu koordinieren.

Die Idee der Nation ist noch gar nicht so alt und trotzdem ist sie in unserer heutigen Gesellschaft sehr stark präsent. Unsere Hoffnung ist es, die emotionale Sichtweise darauf zu ändern, Beziehungen zwischen den Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen herzustellen und dadurch eine Identität zu schaffen, die über die nationalen Grenzen hinaus geht. Durch eine solche europäische Identität können wir meiner Meinung nach in Zukunft auf europäischer Ebene auch besser miteinander kooperieren.

Ihr konntet bereits erste Erfolge mit eurer #FreeInterrail Kampagne feiern, trotzdem geht die Kampagne weiter. Was ist euer nächstes Ziel und was wollt ihr am Ende erreichen?

Unser Ziel ist es nach wie vor, ein „Grundrecht auf Jugendmobilität“ in der EU zu schaffen und es allen 18-jährigen zu ermöglichen, eine Interrail-Reise zu machen, ohne sich dafür bewerben zu müssen. Gleichzeitig haben wir uns riesig gefreut als wir gesehen haben, wie schnell unsere Idee Realität geworden ist.

Das DiscoverEU Programm kommt unserer ursprünglichen Idee, die übrigens bei einem Abendbrottisch in Wien entstanden ist, relativ nahe – innerhalb der Grenzen und Mittel, über die die Europäische Kommission verfügt. Die Idee, ein Reiseticket ohne verpflichtende Evaluierungen herauszugeben ist eher ungewöhnlich für die Kommission und ist deshalb wahrscheinlich auch ihr radikalstes Projekt. Die Nachfrage ist groß und es gibt viele gute Rückmeldungen, deshalb sind wir guter Dinge, dass das Projekt weiter wachsen wird.

Du bist in einer Familie aufgewachsen, in der Feminismus immer positiv konnotiert war und es normal ist, sich für mehr Gleichberechtigung einzusetzen. Wann hast du gemerkt, dass dies in der Gesellschaft nicht unbedingt die Norm ist?

Dass Feminismus kein großes Männerthema ist, ist mir relativ schnell aufgefallen. Das hat bei sexistischen Witzen in der Schule angefangen – das machen alle Jungs und weil es ein Gruppending ist lacht man dann auch schon mal mit. Im Nachhinein denkt man sich dann, dass das wahrscheinlich ziemlich blöd war. In unserer Kultur spielt Sexismus bei aufwachsenden Jungs schon eine grosse Rolle.

Vielen ist wahrscheinlich auch nicht bewusst, wann und warum eine Aussage oder ein Witz sexistisch ist.

Das ist das Hauptproblem: die meisten Männer wissen nicht, dass es ein Problem gibt. Sie können sich nicht vorstellen, dass es einer Frau unangenehm ist und sie sich bedroht fühlen könnte, wenn man ihr hinterherpfeift, weil wir als Männer Sexismus und Diskriminierung de facto nicht erleben. In dieser Hinsicht leben Männer und Frauen, ohne es zu wissen, teilweise in wirklich unterschiedlichen Welten.

Für Frauen ist Sexismus so alltäglich, dass sie das Gefühl haben, dass Männer das doch merken müssten und es ihnen aber egal ist. Ich denke jedoch, dass sie dies in Wirklichkeit oft nicht realisieren und Männer und Frauen deshalb oft aneinander vorbeireden. In meinen Augen ist daher das Wichtigste was Männer machen können mit Frauen zu reden, sie zu fragen welche Erfahrungen sie mit Sexismus gemacht haben und ihnen zuzuhören. Für viele Männer ist dies ein augenöffnender Moment in dem sie merken, dass es Sexismus nicht nur in Hollywood oder in anderen sozialen Schichten gibt, sondern dass fast alle Frauen in ihrem Leben mal davon betroffen sind.

Warum ist es wichtig, dass auch Männer sich für Geschlechtergerechtigkeit einsetzen?

Ich beobachte schon, dass es einen großen Effekt hat, wenn ich als Mann das Thema bei anderen Männern anspreche und sie dazu ermutige, mit Frauen darüber zu reden. Es gibt Untersuchungen die belegen, dass wenn Frauen mit Männern über Sexismus oder ähnliche Themen sprechen, die Männer nicht so gut zuhören, als wenn sie von einem Mann darauf angesprochen werden. Aus dieser Erkenntnis heraus ist die UNWomen Kampagne HeForShe entstanden, welche männliche Botschafter einsetzt, um auf die Notwendigkeit der Geschlechtergerechtigkeit aufmerksam zu machen. Männer können und sollten auch Teil der Lösung sein.

Würdest du sagen, dass Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eher fortgeschritten ist, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht?

Uns sind vor allem Unterschiede darin aufgefallen, wie der Begriff Feminismus aufgenommen wird. Gerade in osteuropäischen Ländern sind junge Frauen viel zurückhaltender wenn es darum geht, sich selbst als Feministin zu bezeichnen – vor allem in der Öffentlichkeit. In Deutschland und in einigen westeuropäischen Ländern ist der Begriff Feminismus hingegen deutlich akzeptierter.

Gleichzeitig kann Deutschland noch viel von anderen Ländern lernen. Schweden ist zum Beispiel ein tolles Vorbild, wenn es um die Aufteilung der Elternzeit geht, da ein gewisser Anteil der Elternzeit nur von Männern in Anspruch genommen werden kann. Ein anderes Beispiel ist die Stadt Wien, die europaweit führend ist, wenn es darum geht, die Bedürfnisse von Frauen, älteren Menschen oder Minderheiten in der Stadtplanung mitzudenken und für ihre Sicherheit zu sorgen.

Auffallend ist natürlich auch, mit welchem Feuer Frauen in Spanien oder Nordirland auf die Straße gehen. Nordirland hatte bis vor kurzem eine der rückständigsten Abtreibungs-Gesetzgebungen und auch Spanien hat noch relativ starke patriarchalische Strukturen. Trotzdem ist es dort vor allem bei jungen Frauen oft eine Selbstverständlichkeit, für mehr Gleichberechtigung einzutreten und auf die Straße zu gehen. Es gibt also auf jeden Fall viele Bereiche, in denen Deutschland noch von anderen Ländern lernen kann.

Ein wichtiger Teil eurer Arbeit besteht darin, Workshops, Seminare und Vorträge zu organisieren um euch mit Jugendlichen über deren Ideen und Perspektiven auszutauschen. Welche ist die Kernbotschaft, die ihr den Jugendlichen dabei mit auf den Weg gebt?

Junge Menschen denken oft fälschlicherweise, dass sie politisch nichts bewirken können und bleiben als Resultat dessen zuhause. Dabei haben sie eigentlich richtig viele, gute Ideen und auch wirklich Bock, etwas zu verändern. Im Rahmen unseres Buches „Tun Wir Was“ haben wir deshalb viele junge Aktivist*innen interviewt, um ihre Tipps und Tricks zu sammeln und damit junge Leute, die sich politisch engagieren wollen, zu unterstützen.

Natürlich können wir nicht versprechen, dass immer was daraus wird. Wir können aber versprechen, dass man immer einen gewissen Prozess anstößt und dass man sehr viel davon lernen kann. Der Satz, den wir deshalb wahrscheinlich am häufigsten zitieren ist: „Nicht jeder Versuch führt zum Erfolg aber jeder Erfolg beginnt mit einem Versuch“. Und wenn man nichts versucht, kann man auch nichts verändern. Die junge Generation hat dies besser verstanden als meine Generation, das sieht man am Beispiel von Fridays for Future. Deshalb hoffen wir, dass diese Dynamik weitergeführt wird und junge Menschen sich immer mehr trauen politisch aktiv zu werden.

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